Lyonel-Feininger-Galerie

Willkommen im Abschied.
Fotografische Positionen über Fremdheit und Nähe
Ira Thiessen / Julia Runge / Semjon Prosjak

Willkommen im Abschied spielt auf das bekannte Gedicht „Willkommen und Abschied“ an, das Goethe 1781 geschrieben hat. „Es schlug mein Herz. Geschwind zu Pferde!“, einer jagt durch die Nacht zu seiner Geliebten. Willkommen, Küsse und Wonne. Dann der Abschied, „bedrängt, wie trübe!“ Mit „nassem Blick“ zwar, aber entschlossen wird der Kummer in einen Triumph gewendet: „Und doch, welch Glück geliebt zu werden, / Und lieben, Götter, welch ein Glück! “ Das Unglück des Abschieds macht das Glück des Liebens erst klar.

In jedem Abschied steckt auch ein Anfang. Das ist eine Binsenweisheit der Psychologie. Abschied weist aber auch auf die Kehrseite jener Weltpolitik, die mit den Flüchtlingsströmen ganze Kulturen entwurzelt, um Handelssphären zu sichern. Reizwörter wie „Identität“ und „Heimat“ bekamen mit den Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts erst einen Sinn. Sie sind reine Verlustbegriffe, die in der global vernetzten Welt zu fundamentalistischen Kampfparolen aufsteigen mussten. Identitätspolitik ist Machtpolitik.

Die Ausstellung nimmt solche Fragen der Gegenwart auf, fügt den Klischees aber nicht weitere hinzu. „Willkommen im Abschied“ spricht aus, was eine Gesellschaft, die jedes Problem (Wetter, Verdauung, Umleitungsschilder) bereits als Angriff auf das glückliche Ich kommentiert, selten eingesteht: Abschiede sind allgegenwärtig wie Tod und Geburt. Sie offenbaren sich in persönlichen Zeichen (Ira Thiessen: „Privet Germania“), sie schmücken sich mit den Attributen einer Tradition (Julia Runge: „Basterland“) oder sie verglimmen in einer Landschaft, die niemand mehr bewohnt (Semjon Prosjak: „Sednjew“). Drei Bilderserien erzählen von verschiedenen Enden der Welt verschiedene Enden von Welt – und dass sich die Erde trotzdem weiterdreht. Die Fotografien sind den Wirklichkeiten des Konkreten gewidmet, denn nur im Konkreten gibt es auch Schicksal. Am Schicksal der Anderen kann man teilhaben, auch wenn man nichts mehr hat als sich selbst.

Ira Thiessen
PRIVET GERMANIA
In der Hoffnung auf ein besseres Leben verließen um 1760 zehntausende Deutsche ihre Heimat und wanderten ins russische Zarenreich aus. Nach etwas mehr als zwei Jahrhunderten zurückgekehrt in ihre vermeintliche „Heimat“ haben sich Spätaussiedler größtenteils integriert. Dennoch bildeten sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland spezifische Formen einer eigenständigen Kultur heraus. Weder völlig Russisch, noch ganz Deutsch. Die Situation zwischen hier und dort, und den besonders unterschiedlichen Lebenswelten, ist für viele heutige Spätaussiedler das neue Zuhause noch ein Ort der Fremde. Leben zwischen zwei Kulturen sorgt für einen ständigen Konflikt mit ihrer Identität.

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BALALAIKA, 2015, Digital Fine Art Print, 60 x 80 cm
aus der Serie: PRIVET GERMANIA

JULIA RUNGE
BASTERLAND
100 Jahre nach dem Aufstand der Baster von Rehoboth gegen die deutsche Kolonialmacht gibt die Serie „Basterland“ einen Einblick in das gegenwärtige Leben des in Namibia ansässigen Volkes. Die Baster sind eine traditionelle Gruppierung, die aus Beziehungen zwischen Nachfahren europäischer Kolonialisten und einheimischen Frauen hervorgegangen ist. Von keiner ihrer beiden Ausgangsgemeinschaften akzeptiert, mussten die Baster großen Überlebenswillen zeigen und ihrer Ausgrenzung Trotz leisten. Seit 1870 dient ein Gebiet in Zentralnamibia, das sie Basterland nennen, als ihre Heimat.

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Chomma, 2015, Fine Art Print, 90 x 120 cm
aus der Serie: BASTERLAND


Semjon Prosjak
SEDNJEW
Auch für den ukrainischen Fotografen Semjon Prosjak galten die strengen Richtlinien darüber, was gezeigt werden durfte und wie das auszusehen hatte. Sowjetische Kunst hatte der Propaganda für den Kommunismus dienen. Die Bilder von Sednjew, einem ukrainischen Dorf, stehen in krassem Gegensatz dazu. Dennoch sind sie keine Dokumente dissidentischen Widerstands. Die Totalität der Einsamkeit ist so überwältigend, dass sie jeden, auch den Fotografen, auf Abstand hält. Aus diesem wird klar, dass die Landschaft unser Urteil nicht braucht. Nicht einmal uns. Der Reaktorunfall von Tschernobyl hat sie zur Todeszone gemacht. Dort lebt niemand mehr. Das Menetekel der Bilder ist vollendet.

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aus der Serie: SEDNJEW, 1976–1986, Analoge Fotografie, Handabzug, 35,8 x 53,6 cm